Jesu Grab in Srinagar?


Der erste, der verkündete, das Grabhäuschen "Rauzabal" in der Khanyar-Strasse in Kaschmirs Hauptstadt Srinagar sei das Grab Jesu, war Mirza Ghulam Ahmad (1839-1908).
Es lohnt sich, einiges über ihn zu wissen. Er war ein religiöser Führer, der innere Stimmen hörte und ab 1880 eigene Schriften zu verfassen begann. Günter Grönbold schreibt: "1889 nimmt er aufgrund einer göttlichen Offenbarung Anhänger an. Als er 1891 erklärt, er sei der Messias und der Mahdi (der letzte, von den Moslems erwartete Prophet), und dann auch, er sei die Wiedererscheinung Mohammeds, erfährt er Ablehnung und Widerspruch von seiten des Islam. Später ernennt er sich noch zum zurückgekehrten Jesus und ab 1904 zur Inkarnation des hinduistischen Krishna." (S. 44)
Im Jahr 1899 veröffentlichte er ein Buch in der Urdu-Sprache, das später in der englischen Übersetzung den Titel Jesus in India trug. Darin verkündete er die ihm zuteil gewordene Offenbarung, Jesus habe die Kreuzigung dank eines Wunderöls überlebt (das er, Ghulam Ahmad, sogar zum Verkauf anbot!); Jesus sei in der Folge auf der Suche nach den verlorenen Stämmen Israels nach Kaschmir gekommen (wo er diese Stämme alle gefunden habe!); er sei 120 Jahre alt geworden und sei in der Khanyar-Strasse von Srinagar begraben worden, wo man das Grab heute noch besuchen könne.
Dr. Grönbold analysiert kurz die gröbsten Fehlinformationen und Absurditäten in Ahmads Argumentation und kommt zum Schluss: "Es müsste somit klar geworden sein, dass sich Leute wie Faber-Kaiser, Obermeier, Kersten, STERN&Co nur zu Werbern der Ahmadiyya-Sekte machen, wenn sie die Jesus-in-Indien-Legende propagieren" (S. 47). Obwohl diese Stimmen durchaus ihre eigene Motivation haben, dürfte das Propagieren der genannten "Sekte" nicht deren Hauptmotiv sein. Doch da die einen den anderen abschreiben, geht dabei die eigentliche Quelle unter, oder sie wird, wie in Hinsicht auf den umstrittenen Gruppenführer Ghulam Ahmad, einfach verschwiegen, und man bezeichnet lieber Prof. Hassnain als Entdecker des Jesus-Grabes, weil "der wissenschaftsgläubige Westen ihre Märchen eher akzeptiert, wenn sie ein Professor erzählt hat, als wenn deutlich würde, dass sie aus der Offenbarungsküche eines selbsternannten Messias und Gründers einer islamischen Sekte kommen. Und deshalb verschweigt man die Wahrheit schamhaft und wohlweislich." (Grönbold, S.44)

Die Geschiche des Srinagar-Grabes
Die von Ghulam Ahmad behauptete und von Hassnain, Kersten, Obermeier usw. wiederholte Theorie besagt, der Prophet Yuz Asaf, der in Srinagar an der Khanyar-Strasse begraben sei, sei in Wirklichkeit und Wahrheit niemand anders als Jesus! "Yuz-Asaf und Yusu sind identisch mit dem Namen Jesus, es sind die hiesigen Schreibweisen", erklärte Prof. Hassnain seinem Gast Erich von Däniken gegenüber, der dies wörtlich in seinem Buch Reise nach Kiribati (S. 220) wiedergibt.
Auch Holger Kersten berichtet: "Immer wieder belegen Details ..., dass Yuz Asaf und Jesus identisch sind." (S. 177)
Ist der Fall wirklich so klar, wie von diesen Autoren behauptet wird? Befindet sich in Srinagar das Grab Jesu = Yuz Asaf? Diese Annahmen werden mittlerweile von einer nicht unbeträchtlichen Anzahl Zeitgenossen als bewiesene und (natürlich vom Vatikan) verheimlichte Tatsache anerkannt.
Um diese Frage fundiert zu beantworten und die erstaunlichen Hintergründe kennenzulernen, muss etwas weiter ausgeholt werden:
Gut zweihundert Jahre nach Jesu Kreuzigung hatten sich die messianisch-christlichen Urgemeinden bereits an vielen Orten im Nahen und Mittleren Osten, in Nordafrika und in (Süd)Europa verbreitet. Auch zeichneten sich bereits verschiedene nachhaltige Spaltungen und Gegenbewegungen ab. Eine Bewegung, die in dieser Zeit neu entstand, war die des Persers Mani (215-273). Er stammte aus einem persischen Königsgeschlecht, lebte für längere Zeit im damals buddhistischen Indien, trat nach seiner Rückkehr in seine Heimat als Stifter einer neuen Religion auf, die als "Manichäismus" bekannt (und bekämpft) wurde, und starb, als Häretiker verurteilt, am Kreuz.
Hans Joachim Störig schreibt in seinem Standardwerk Kleine Weltgeschichte der Philosophie: "Der Gnosis eng verwandt ist der Manichäismus, der ... das Judentum schroff ablehnt und heidnische, nämlich persische und indische Ideen mit christlichen verbindet ... Seine Lehre, soweit sie aus geringfügigen Bruchstücken seiner Schriften und aus späteren Berichten zu erkennen ist, geht aus von der der persischen Religion entnommenen Vorstellung zweier von Ewigkeit her nebeneinander bestehender Reiche, eines Reichs des Lichts, beherrscht vom göttlichen Vater des Lichts, und eines Reichs der Finsternis, beherrscht vom Vater der Finsternis -- von Mani mit dem jüdischen Jahwe identifiziert -- und seinen Dämonen. Jesus erscheint bei ihm als der aus dem Reiche des Lichts herabsteigende Erlöser der Menschen. Die Ethik des Manichäismus fordert strengste Askese und ähnelt der buddhistischen." (Fischer Taschenbuchausgabe Bd. 1, S. 224)
Buddha war fünfhundert Jahre vor Christus in Indien erschienen. Im Verlauf der nachfolgenden Jahrhunderte breitete sich die Religion des Buddha über ganz Indien aus, erreichte von dort aus auch die umliegenden Gebiete, und blieb für rund eintausende Jahre (bis zum Auftreten des indisch-vedischen Reformators ®r… ®ankara anfangs des 9. Jahrhunderts nach Christus) in Indien die vorherrschende Religion.
Mani lernte in Indien also den Buddhismus in seiner Blütezeit kennen und brachte viele der Lehren und Legenden zurück nach Persien. In diesem Umfeld des frühen Manichäismus erzählte man sich unter diesem buddhistischen Einfluss auch die Geschichte eines Heiligen, eines "Bodhisattva": Ein Prinz wird von seinem Vater, dem König, gänzlich von der Aussenwelt abgeschirmt, weil eine Prophezeiung ihm vorausgesagt hatte, sein Sohn werde nicht sein Nachfolger werden, sondern werde sich der Religion zuwenden und ein Asket werden. Trotz aller Vorkehrungen bekommt der Prinz als heranwachsender Jüngling einmal einen Kranken, einen Alten und einen Toten zu Gesicht. Aufgrund dieser erschütternden Erkenntnis bekehrt sich der Prinz und wird tatsächlich, wie prophezeit, ein Asket.
Heute erkennen wir in dieser Bodhisattva-Legende natürlich sogleich das grundlegende Muster der Lebensgeschichte des Gautama Buddha. Der Lehrer Mani wird in gewissen alten Texten selbst als Bodhisattva bezeichnet. Allerdings war die Sprache des Mani und des Manichäismus nicht Sanskrit, sondern Persisch, und in dieser Sprache heisst Bodhisattva Bôd…saf.
Diese manichäische Legende wurde später von anderen Strömungen übernommen, insbesondere vom Islam und vom Christentum. Im Arabischen hiess es dann natürlich, dies sei die Geschichte eines zum Islam bekehrten Prinzen namens Bûdhasaf, Yûdhasaf oder YûzÄsaf. Im Christentum erscheint diese Geschichte bereits im siebten Jahrhundert als griechischer Roman, der dem Johannes Damascenus (ca. 675-749) zugeschrieben wurde. Die Geschichte stammt auch hier also erwiesenermassen ebenfalls aus dem Nahen Osten (Damaskus) und erzählt die Geschichte des indischen Prinzen Josaphat, der vom königlichen Vater behütet wird, weil dieser eine Prophezeiung gehört hat, der dann aber nach dem Anblick eines kranken, eines alten und eines toten Menschen sich Gott zuwendet und zum Christentum findet. Dieser indische Josaphat wurde im Jahre 1583 von der römisch-katholischen Kirche heiliggesprochen, und der 27. November galt als der Tag des Hl. Josaphat. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die katholische Kirche die Liste ihrer Heiligen bereinigt und alle legendären Personen daraus entfernt. Unter den gestrichenen Namen befindet sich auch der Hl. Josaphat, von dem man heute weiss, dass es ihn in dieser Form gar nie gegeben hat.
Während die manichäische Prinzengeschichte im Christentum als Josaphat-Geschichte weiterlebte, wurde sie auch in islamischen Kreisen weitererzählt. Die Legende "Bilauhar wa-Budasaf" lässt den bekehrten Prinzen als Heiligen in Kaschir sterben. Als der Derwisch Syed Abdur RahmÄn (genannt Bulbul ShÄh) im 14. Jahrhundert den Islam nach Kaschmir brachte, wurde ein bis dahin hinduistisches Grab zu dem eines islamischen Propheten erklärt, und der Volksglaube identifizierte diesen Propheten dann bald einmal mit dem legendären Prinzen Budasaf. Sechshundert Jahre später verkündet Ghulam Ahmad, dieser Prinz sei identisch mit Jesus.
Seit diese Behauptung im Westen viele Gläubige findet und geldbesitzende Touristen in die Hauptstadt lockt, verkünden die Grabwächter natürlich ebenfalls, hier sei "Isa Sahib" begraben. Diese Aussagen haben offensichtlich nicht die geringste Beweiskraft und haben nichts, wie oft behauptet, mit einer alten Überlieferung zu tun, denn sie sind erst in den letzten Jahrzehnten laut geworden, mit Herrn Hassnain als lautestem Verkünder.
Interessant ist, dass Notowitsch sich zweimal in Srinagar aufgehalten hat, einmal sechs Tage lang, aber er schreibt in seinem Jesus-Buch nichts von einem Jesus-Grab in Srinagar. Er war eben zu früh dort gewesen (1887). Ghulam Ahmad verkündete seine "Eingebung" erst zehn Jahre später. Vor Ghulam Ahmad hatte offensichtlich noch nie jemand von der Idee gehört, Budasaf/Yuzasaf sei Jesus. Die angeblich alte verheimlichte Überlieferung ist also gerademal einhundert Jahre alt.
Hinzu kommt, dass es eine völlig willkürliche Wortverfälschung ist, das persisch ÷arabisch÷ kaschmirische Wort YuzÄsaf als Yuz Azaf zu trennen, nur um mit "Yuz" eine Silbe freizulegen, die entfernt wie Jesus (eigentlich: Jeshua) klingt. Das wäre vergleichbar mit der Schreibweise "Johan Ness" für Johannes (vielleicht als Parallele zu Loch Ness)!
Stimme es also, was Holger Kersten gleich zu Beginn seines Buches Jesus lebte in Indien (S. 19) verkündet? "Erst heute kann man mit Sicherheit behaupten, dass es, vom modernen Standpunkt der Leben-Jesu-Forschung ausgehend, tatsächlich unmöglich ist, den Aufenthalt Jesu in Indien zu widerlegen."

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